Musst wirklich immer Du Dich verändern?
Aktualisiert: vor 1 Tag
Wir arbeiten an unserer Gelassenheit, unseren Grenzen und unserer Belastbarkeit. Aber manchmal lohnt sich eine ganz andere Frage: Was müsste sich eigentlich um Dich herum verändern?

Vielleicht kennst Du solche Sätze:
Ich muss lernen, besser damit umzugehen.
Ich darf mich nicht so aufregen.
Ich muss konsequenter „Nein“ sagen.
Ich sollte mich besser organisieren.
Ich brauche dringend mehr Ausgleich.
Eigentlich erstaunlich.
Denn egal, was gerade schwierig ist – die erste Baustelle sind ziemlich oft wir selbst.
Der Arbeitstag ist zu voll? Wir brauchen besseres Zeitmanagement.
Wir übernehmen ständig zu viel? Wir müssen lernen, öfter „Nein“ zu sagen.
Wir kommen abends nicht herunter? Wir brauchen eine Entspannungsmethode.
Wir fühlen uns seit Monaten erschöpft? Wir sollten besser auf uns achten.
Und vieles davon ist sinnvoll.
Ich verdiene schließlich selbst mein Geld unter anderem damit, Menschen Entspannung näherzubringen.
Trotzdem fehlt mir in dieser Aufzählung manchmal eine ziemlich einfache Frage:
Was, wenn nicht nur Du Dich verändern musst?
Ein unbequemer Gedanke
Nehmen wir an, Du kommst jeden Abend völlig erledigt nach Hause.
Natürlich kannst Du überlegen, was Dir hilft, wieder herunterzukommen.
Ein Spaziergang. Eine Massage. Ruhe. Bewegung. Eine Entspannungsübung.
Aber irgendwann darf neben der Frage
„Wie erhole ich mich besser von meinem Tag?“
auch eine zweite stehen:
Denn die erste Frage richtet den Blick auf Dich.
Die zweite auf das, was Dich umgibt.
Und plötzlich entstehen ganz andere Antworten.
Wir können erstaunlich erfinderisch darin werden, etwas auszuhalten
Vielleicht optimierst Du Deinen Kalender, obwohl schlicht zu viel darinsteht.
Vielleicht übst Du, „Nein“ zu sagen, übernimmst aber weiterhin Aufgaben, für die Du eigentlich gar nicht zuständig bist.
Vielleicht versuchst Du gelassener auf eine Situation zu reagieren, die Dich aus gutem Grund immer wieder ärgert.
Oder Du planst Deine Erholung immer effizienter – damit Du am nächsten Morgen wieder genug Kraft für genau das hast, was Dich erschöpft.
Das meine ich nicht zynisch.
Im Gegenteil.
Sich selbst helfen zu können, ist eine große Fähigkeit.
Schwierig wird es nur, wenn Selbstfürsorge ausschließlich dazu dient, uns immer wieder fit für Bedingungen zu machen, die uns dauerhaft nicht guttun.
Dann wird ausgerechnet das, was uns helfen soll, möglicherweise zum Reparaturbetrieb.
Und das finde ich einen Gedanken wert.
Manchmal liegt der Hebel nicht bei Dir
In der Stressforschung gibt es eine hilfreiche Unterscheidung: Wir können versuchen, unsere Reaktion auf eine belastende Situation zu verändern – oder wir können versuchen, an der Situation selbst etwas zu verändern.
Beides hat seine Berechtigung.
Denn selbstverständlich können wir nicht jeden nervigen Kollegen austauschen, jede familiäre Verpflichtung abschaffen oder jedes Problem aus unserem Leben entfernen.
Manches können wir nicht ändern.
Manches wollen wir nicht ändern.
Und manches sollten wir vielleicht tatsächlich lernen, anders zu betrachten.
Aber eben nicht alles.
Genau deshalb gefällt mir diese Frage:
Versuche ich gerade, besser mit etwas umzugehen – obwohl ich eigentlich etwas daran verändern könnte?
Das muss nicht gleich der große Lebensumbau sein
Bei „Umstände verändern“ denken wir schnell an Kündigung, Trennung, Umzug oder kompletten Neuanfang.
Dabei kann Veränderung ziemlich unspektakulär aussehen.
Vielleicht wird eine Aufgabe neu verteilt.
Vielleicht findet ein Gespräch statt, das Du lange vor Dir herschiebst.
Vielleicht ist ein Mittwochabend künftig nicht mehr verfügbar.
Vielleicht muss nicht mehr jedes Familienproblem automatisch auch Deines werden.
Vielleicht wird aus:
„Wie schaffe ich das noch?“
zum ersten Mal:
„Muss ich das überhaupt noch schaffen?“
Diesen Unterschied finde ich enorm.
Und dann gibt es noch die Dinge, die wir uns selbst gebaut haben
Das ist der Teil, bei dem wir es uns nicht zu bequem machen sollten.
Nicht jede belastende Situation kommt von außen.
Manche Umstände haben wir selbst mitgestaltet.
Weil wir immer erreichbar waren.
Weil wir Aufgaben übernommen haben, ohne darüber nachzudenken.
Vielleicht auch, weil etwas früher einmal gut zu uns gepasst hat.
Das ist kein Grund, sich Vorwürfe zu machen.
Aber es bedeutet etwas sehr Ermutigendes:
Was Du mitgestaltet hast, kannst Du möglicherweise auch wieder mitgestalten.
Nicht alles.
Aber vielleicht mehr, als Du gerade glaubst.
Selbstfürsorge darf mehr sein als Erholung
Vielleicht ist Selbstfürsorge deshalb manchmal nicht das warme Bad.
Nicht der freie Abend.
Nicht die Atemübung.
Vielleicht ist Selbstfürsorge gelegentlich auch das unangenehme Gespräch am Dienstagmorgen.Eine Aufgabe zurückzugeben.Eine Erwartung nicht mehr zu erfüllen.
Etwas neu zu verhandeln.
Oder sich einzugestehen:
So, wie es gerade ist, passt es für mich nicht mehr.
Das fühlt sich möglicherweise zunächst überhaupt nicht entspannend an. Und trotzdem kann genau dort etwas beginnen, das langfristig viel mehr verändert als die nächste Pause.
Denn irgendwann geht es nicht mehr nur darum, wahrzunehmen, was Dir nicht guttut.
Es geht auch darum, zu entscheiden, was davon bleiben soll – und was sich verändern darf.
Eine Frage für Deinen Alltag
Wenn Du in den nächsten Tagen an einer Stelle denkst: Ich muss lernen, besser damit umzugehen,halte einen Moment inne. Und ergänze eine zweite Frage:
Muss wirklich ich mich verändern – oder dürfte sich auch etwas an der Situation verändern?
Vielleicht lautet die Antwort trotzdem: Ich. Völlig in Ordnung. Vielleicht lautet sie: Beides.
Wahrscheinlich sogar ziemlich oft.
Aber vielleicht stellst Du an einer Stelle fest:
Ich brauche hier gar nicht mehr Kraft, Gelassenheit oder Disziplin. Ich brauche andere Bedingungen.
Und das ist ein ziemlich großer Unterschied.
Denn nicht alles, was Dich Kraft kostet, ist automatisch etwas, an das Du Dich besser anpassen musst.
Manches darfst Du auch verändern.
Und was kostet Dich gerade Kraft?
Vielleicht weißt Du noch gar nicht genau, ob es an Dir, an Deinen Umständen oder an einer Mischung aus beidem liegt.
Genau dafür habe ich meinen N.A.H.E.-Selbstcheck entwickelt.
Er hilft Dir dabei, einmal genauer hinzuschauen: Was kostet Dich gerade Kraft?
Was nimmst Du bei Dir wahr? Und wo könnte es sich lohnen, genauer hinzusehen?

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