Du kommst nicht zur Ruhe? Warum eine Pause noch keine Erholung ist
Aktualisiert: vor 12 Stunden

Ich mache diesen Sommer bewusst langsamer.
Und ich merke dabei etwas, das ich früher wahrscheinlich übergangen hätte: Nur weil ich weniger tue, werde ich nicht automatisch ruhiger.
Vielleicht kennst Du genau das: Du möchtest endlich zur Ruhe kommen – aber obwohl Du eine Pause machst, schaltet in Dir nichts wirklich ab.
Das finde ich inzwischen viel interessanter als die Frage, ob ich mir genug Pausen gönne.
Denn vielleicht fehlt uns manchmal gar nicht die Pause.
Vielleicht fehlt uns das Abschalten in der Pause.
Wir verwechseln Pause und Erholung
Wenn wir erschöpft sind, liegt die Lösung scheinbar auf der Hand: weniger machen.
Früher hätte ich das wahrscheinlich genauso gesagt.
Heute sehe ich es differenzierter.
Natürlich brauchen wir Pausen. Aber eine Pause ist zunächst einmal nur eine Unterbrechung dessen, was wir gerade tun. Ob wir uns dabei tatsächlich erholen, ist eine andere Frage.
Die Forschung verwendet dafür einen interessanten Begriff: psychological detachment – psychologisches Abschalten von der Arbeit.
Eine große Metaanalyse mit Daten von mehr als 38.000 Beschäftigten zeigt: Menschen, denen dieses innere Abschalten besser gelingt, berichten im Durchschnitt unter anderem von weniger Erschöpfung und Müdigkeit, besserem Schlaf und höherem Wohlbefinden.
Das sind Zusammenhänge und kein Beweis dafür, dass Abschalten allein all diese Effekte verursacht. Aber sie zeigen ziemlich deutlich, dass Erholung mehr ist als freie Zeit.
Und genau das kennen wahrscheinlich viele von uns.
Du hast Feierabend. Aber das Gespräch von heute Nachmittag führst Du im Kopf noch einmal.
Du liegst im Bett. Aber die Entscheidung für morgen liegt daneben.
Du hast endlich einen freien Tag. Und bemerkst, dass Du schon wieder überlegst, was Du jetzt Sinnvolles damit anfangen könntest.
Äußerlich hast Du aufgehört. Innerlich noch lange nicht.
Vielleicht brauchen wir nicht mehr Selbstfürsorge, sondern weniger inneres Weiterlaufen
Ich habe lange funktioniert.
Und wenn ich heute zurückblicke, war mein Problem nicht, dass ich überhaupt keine Pausen gemacht hätte.
Ich war nur unglaublich gut darin, mich selbst mit in die Pause zu nehmen – samt Gedanken, Verantwortung, Erwartungen und dem Gefühl, noch nicht fertig zu sein.
Das ist ein Unterschied.
Denn ich kann mir einen Kaffee machen, eine Kerze anzünden und mich für zwanzig Minuten aufs Sofa setzen. Wenn in mir gleichzeitig fünf offene Baustellen weiterlaufen, kann das angenehm sein. Aber es bedeutet nicht automatisch, dass ich wirklich bei mir ankomme.
Vielleicht ist deshalb die wichtigere Frage nicht:
„Wie kann ich mich besser entspannen?“
Sondern:
„Was hindert mich eigentlich daran, wirklich abzuschalten?“
Das kann Arbeit sein.
Es können aber genauso gut offene Entscheidungen sein. Verantwortung. Ein Konflikt. Erwartungen anderer. Ein Ja, das eigentlich ein Nein war. Oder dieses diffuse Gefühl, dass etwas im eigenen Leben nicht mehr richtig passt, ohne schon zu wissen, was es ist.
Und plötzlich wird aus dem Thema Ruhe etwas ganz anderes.
Es geht nicht mehr nur um Entspannung.
Es geht um Wahrnehmung.
Kleine Pausen sind trotzdem nicht kleinzureden
Auch dazu gibt es interessante Forschung.
Eine Metaanalyse von 22 Studien mit insgesamt 2.335 Teilnehmenden untersuchte sogenannte Mikropausen von weniger als zehn Minuten. Sie fand kleine, aber statistisch bedeutsame Effekte: Mikropausen waren im Durchschnitt mit mehr Vitalität und weniger Müdigkeit verbunden. Auf die Arbeitsleistung insgesamt zeigte sich dagegen kein eindeutiger Effekt.
Das gefällt mir.
Denn eine Pause muss sich offenbar nicht erst dadurch rechtfertigen, dass wir anschließend produktiver sind.
Vielleicht darf sie einfach eine Pause sein.
Und vielleicht reichen manchmal tatsächlich zwei Minuten.
Nicht, um ein Problem zu lösen.
Sondern um überhaupt einmal zu bemerken, wie es mir gerade geht.
Ruhe ist für mich heute kein Zustand mehr, den ich herstellen muss
Früher hätte ich Ruhe wahrscheinlich mit Nichtstun verbunden.
Heute bedeutet sie für mich etwas anderes.
Ein kurzer Moment, in dem ich nicht sofort auf den nächsten Reiz reagiere.
Ein Spaziergang, bei dem nicht noch ein Podcast laufen muss.
Ein Duft, bei dem ich für einen Moment stehenbleibe.
Ein Morgen, an dem ich nicht sofort zum Handy greife.
Oder einfach die Frage:
Wie geht es mir eigentlich gerade – bevor ich weitermache?
Das klingt unspektakulär.
Ist es aber nicht.
Denn solange ich ständig beschäftigt bin – äußerlich oder innerlich –, kann ich erstaunlich lange an mir selbst vorbeileben.
Und manchmal liegt es übrigens nicht nur an uns, dass Abschalten schwerfällt.
Auch unsere Umgebung redet ständig mit. Was Deine Räume mit Deiner Energie machen, habe ich hier genauer beschrieben.
Der Sommer kann dabei helfen – aber er erledigt es nicht für uns
Ich mag den Sommer genau deshalb.
Die Tage fühlen sich anders an. Vieles wird etwas lockerer. Wir sind mehr draußen. Gewohnte Abläufe verändern sich.
Das kann eine wunderbare Gelegenheit sein, langsamer zu werden.
Aber auch drei Wochen Urlaub garantieren noch keine Erholung.
Eine neuere Metaanalyse über 32 Studien zeigt zwar deutlich positive Effekte von Urlaub auf das Wohlbefinden. Besonders psychologisches Abschalten und körperliche Aktivitäten während des Urlaubs könnten dabei eine wichtige Rolle spielen.
Das Interessante ist also wieder nicht nur:
Habe ich frei?
Sondern:
Was passiert mit mir, wenn ich frei habe?
Kann ich loslassen?
Kann ich wahrnehmen?
Oder fülle ich die freie Zeit sofort wieder?
Vielleicht beginnt Veränderung genau hier
Das ist inzwischen ein wesentlicher Gedanke meiner N.A.H.E.-Methode.
Ich möchte Frauen nicht noch mehr Dinge geben, die sie „für sich tun sollten“.
Davon haben wir meistens genug.
Ich möchte viel früher ansetzen.
Anhalten. Wahrnehmen.
Was erschöpft mich eigentlich?
Was trage ich schon lange mit mir herum?
Was übergehe ich?
Was brauche ich?
Und was weiß ich möglicherweise längst, habe ihm aber bisher keinen Raum gegeben?
Erst wenn ich das wahrnehme, kann daraus etwas entstehen.
Klarheit.
Eine Grenze.
Eine Entscheidung.
Oder manchmal nur ein kleiner nächster Schritt.
Ich mache diesen Sommer also weiterhin langsamer
Aber nicht, weil ich glaube, dass Langsamkeit alle Probleme löst.
Sondern weil sie mir etwas gibt, das mir im Funktionieren schnell verloren geht:
die Chance, mich selbst wieder wahrzunehmen.
Und vielleicht ist das für Dich in diesem Sommer auch eine interessante Frage.
Nicht:
Was sollte ich noch für mich tun?
Sondern:
Was wird eigentlich hörbar, wenn ich einmal nicht sofort weitermache?
Genau dort beginnt für mich N.A.H.E.
Wenn Du herausfinden möchtest, wo Du Dich selbst gerade vielleicht häufiger übergehst und was Dich Kraft kostet, kannst Du mit meinem N.A.H.E.-Selbstcheck beginnen.
Er dauert nur wenige Minuten und gibt Dir einen ersten Impuls, genauer hinzuschauen.
Deine Sabine

Kommentare